Ernte 2026: Herausforderung bei der Beschaffung mühlenfähiger Ware wächst
„Noch Ende Juni standen vielerorts hervorragende Bestände auf den Feldern. Die extreme Hitze hat dieses Bild innerhalb kurzer Zeit verändert. Wir haben eine ausgesprochen heterogene Ernte, bei der Menge und Qualität regional erheblich auseinandergehen“, sagt Peter Haarbeck, Geschäftsführer des Verbandes der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft VGMS.
Das zeigen ersten Einschätzungen aus den Mitgliedsunternehmen des VGMS. Die Ernte 2026 ist deutlich heterogener und mengenmäßig schwächer aus als noch vor wenigen Wochen erwartet. Die Hitze während der entscheiden-den Kornfüllungsphase hat in nahezu allen für die Branche wichtigen Kulturen Spuren hinterlassen. Regional werden bei Weizen Ertragseinbußen von zehn bis 20 Prozent und teilweise darüber gemeldet.
Qualitätsweizen verfügbar – Beschaffung geeigneter Partien regional anspruchsvoller
Die geringere Erntemenge bedeutet nicht automatisch eine schlechte Qualität. Aus mehreren Regionen werden gute bis sehr gute Protein- und Fallzahlwerte gemeldet. Qualitätsweizen ist damit grundsätzlich verfügbar. Gleichzeitig berichten die Unternehmen regional von deutlich niedrigeren Hektolitergewichten sowie höheren Anteilen an Klein- und Schmachtkorn. Die Herausforderung für die Mühlen wird deshalb in einigen Regionen darin bestehen, geeignete Partien mit den für die jeweilige Verarbeitung erforderlichen Eigenschaften in ausreichender Menge zu beschaffen.
Die deutsche Mühlen- und Stärkewirtschaft verarbeitet allein jährlich etwa acht Millionen Tonnen Weichweizen. Sollte die deutsche Weizenernte infolge der hitzebedingten Ertragsverluste in diesem Jahr auf knapp 20 Millionen Tonnen sinken, benötigen allein diese beiden Verarbeitungszweige damit 40 Prozent der heimischen Ernte.
Erfreulich ist, dass das Getreide trotz der schwierigen Witterungsbedingungen größtenteils gesund eingebracht wird. Flächendeckende Probleme mit Mykotoxinen zeichnen sich nach den bisherigen Meldungen nicht ab.
Die diesjährige Ernte zeigt zugleich, wie anspruchsvoll es in Jahren mit starken witterungsbedingten Mengen- und Qualitätsschwankungen ist, gesunde und mühlenfähige Ware für die Versorgung der Bevölkerung in ausreichender Menge sicherzustellen. Diese Herausforderung wächst, wenn zugleich die gesetzlichen Grenzwerte für Kontaminanten immer strenger werden.
„Für den Verbraucherschutz sind hohe Anforderungen an die Sicherheit unserer Lebensmittel selbstverständlich. Gleichzeitig müssen wir im Blick behalten, dass die Verarbeiter auch unter schwierigen Erntebedingungen ausreichend geeignete Rohstoffe beschaffen können. Wenn Erntemengen sinken, Qualitäten stärker schwanken und gleichzeitig die Anforderungen an die Rohstoffe steigen, wird diese Aufgabe zunehmend anspruchsvoller“, so Haarbeck.
Durum überzeugt – Dinkel und Hafer im Anbau halten
Positiv fällt insbesondere die Durumernte auf. Trotz geringerer Hektarerträge als im letzten Jahr werden aus den Anbaugebieten gute bis sehr gute Qualitäten mit guter Glasigkeit und guten Hektolitergewichten beim hitzeverträglichen Hartweizen gemeldet. Aufgrund der ausgeweiteten Anbaufläche könnte die deutsche Durumproduktion trotz der geringeren Flächenerträge gegenüber dem Vorjahr sogar zulegen.
Bei Hafer und Dinkel zeigt sich ein heterogeneres Bild. Die Hitze hat auch hier Ertrag und teilweise die Kornausbildung beeinträchtigt. Bei Dinkel werden Erträge von etwa zehn bis 15 Prozent unter dem Vorjahr sowie regional eine schwächere Kornausbildung gemeldet. Beim Hafer reicht die Spannweite der bislang gemeldeten Hektolitergewichte insbesondere in Süd- und Mitteldeutschland von 40 bis 55 Kilogramm je Hektoliter; für eine abschließende Bewertung der Verarbeitungsqualität ist es teilweise noch zu früh.
Für die verarbeitende Wirtschaft ist entscheidend, dass beide Kulturen auch im kommenden Anbaujahr ihren Platz in den Fruchtfolgen behalten. Eine ausreichende heimische Anbaufläche ist Voraussetzung dafür, die Nachfrage nach Hafer- und Dinkelprodukten langfristig aus regionaler Erzeugung bedienen zu können.
Partnerschaftliche Vermarktung und leistungsfähige Transportwege sichern Versorgung
Die geringere Ernte macht eine verlässliche Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette umso wichtiger. Die Abgabebereitschaft der Landwirtschaft stellt sich derzeit regional unterschiedlich dar. Während gestiegene Getreidepreise in einigen Regionen Verkäufe ausgelöst haben, lagern Landwirte andernorts Ware ein und warten auf weitere Preissteigerungen. Hinzu kommt, dass bei einer geringeren Erntemenge bereits abgeschlossene Vorkontrakte einen größeren Anteil der verfügbaren Ware bin-den.
Landwirtschaft, Getreidehandel und Verarbeitung sind deshalb gemeinsam gefordert, durch eine kontinuierliche und partnerschaftliche Vermarktung verlässliche Warenströme zu gewährleisten.
Gleichzeitig zeigt die Ernte 2026 erneut, dass Versorgungssicherheit nicht auf dem Feld endet. Niedrige Wasserstände und steigende Frachtkosten belasten die Getreidelogistik. Für Unternehmen, die auf die Belieferung per Binnenschiff angewiesen sind, können daraus erhebliche Einschränkungen entstehen.
Eine leistungsfähige und klimaresiliente Infrastruktur auf Wasserstraße, Schiene und Straße ist deshalb eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Mühlen und Stärkehersteller auch künftig zuverlässig mit heimischen Rohstoffen versorgt werden können. Politik und Wirtschaft müssen hier langfristig die Voraussetzungen für stabile Warenströme schaffen.
Zum Download:
VGMS-Presemitteilung Ernte 2026

